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Testingenieure

Von Ulrich Walther

Testingenieure in der Automobilindustrie werden oft neidvoll betrachtet. Wenn man bedenkt, welch abwechslungsreichen und hochinteressanten Job sie haben, ist das durchaus verständlich. Sie sind nahe an den oft noch streng geheimen Prototypen, sehen viel von der Welt und haben außerdem großen Einfluss auf das Endprodukt – vor allem dann, wenn das Projekt auf die Zielgerade geht.

Ab in die Wüste: Testingenieure müssen Autos unter Extrembedingungen auf Herz und Nieren prüfen. (Bild: Manuela Klopsch - Fotolia.com)
Ab in die Wüste: Testingenieure müssen Autos unter Extrembedingungen auf Herz und Nieren prüfen. (Bild: Manuela Klopsch - Fotolia.com)

Die Automobilerprobung ist grundsätzlich ein weites Feld. Dies liegt daran, dass Fahrzeuge heute weltweit in viele Kontinente und Klimazonen verkauft werden. Es muss daher sicher gestellt sein, dass der Wagen in Finnland bei -35°C genau so zuverlässig funktioniert, wie bei Temperaturen von über +60°C in Saudi Arabien oder in der feuchten Luft Brasiliens. Zu den schwankenden äußeren Bedingungen kommen die unterschiedlichen Gewohnheiten der Autofahrer. Ein Amerikaner in Texas wird das Fahrzeug im Reich der tempolimitierten Highways anders bewegen, als der gestresste Bankangestellte in der Tokioter Innenstadt. Um dieses Spektrum abzusichern, führen Testingenieure in enger Abstimmung mit modernsten Simulationsmethoden Erprobungsabläufe durch, die mit minimalem Zeit- und Kostenaufwand nur ein Ziel verfolgen – ein verkaufsfähiges Fahrzeug freizugeben.

In Entwicklungsprojekten, beispielsweise bei Derivaten wie Cabriolets, wird der Neuteileumfang beginnend mit Prüfungen auf Bauteilebene – hierzu zählen zum Beispiel Türgriffe – abgesichert. Anschließend führen die Ingenieure Tests an Baugruppen wie Instrumententafeln durch. Abschließend erfolgt die Systemerprobung am Gesamtfahrzeug durch Fahrversuche oder Crashtests. Die Einzelteilerprobung liegt heute oftmals in Lieferanten- oder Systementwicklerhand. Nur gelegentlich nehmen die Hersteller Überprüfungen im Rahmen der Qualitätssicherung vor. Umso größer sind daher das Know-how und die Verantwortung der Entwicklungsdienstleister. Kleine, zum Teil sehr komplexe Prüfstände und Testeinrichtungen werden konzipiert und aufgebaut, um im Rahmen vorgegebener Spezifikationen nachzuweisen, dass die Teile funktionsfähig, verbaubar und zuverlässig sind.

Für System- oder Baugruppentests nehmen die Komplexität der Prüfstände, die Anzahl der Beurteilungsparameter und die Anforderungen an das übergreifende Wissen der Ingenieure zu. Hier geht es darum, die wesentlichen Faktoren im Zusammenspiel der Bauteile zu erkennen. Dabei werden die Umweltsimulation und das Altern in speziell dafür konzipierten Prüfkammern, wie Sonnensimulationsanlagen, abgewickelt. Mit vergleichsweise kurzen, aber harten Tests können Aussagen über das Verhalten der Prüflinge sowie über die Fahrzeuglebensdauer getroffen werden. Ergänzend finden Fahrerprobungen mit Prototypen oder Vorserienfahrzeugen auf Prüfgeländen in ausgewählten Ländern statt. Hier sind die Testingenieure neben den Fahrern ein fester Bestandteil der Teams. Auch Auslandsaufenthalte sind jederzeit möglich, die den Erfahrungsschatz der Mitarbeiter immer wieder aufs Neue bereichern.
Testingenieure sind Teil des Erprobungsteams. Hier wird gemeinsam geplant, diskutiert, entschieden, durchgeführt, ausgewertet und – im Rahmen von Erprobungsfahrten – auch gemeinsam gelebt. Darüber hinaus ist die Erprobung kein isolierter Teil der Fahrzeugentwicklung. Jeder Testingenieur wird im Projekt mit anderen Bereichen zusammenarbeiten. Er nimmt zu einem frühen Zeitpunkt an der Konzeptfindung teil, geht mit den Simulationsexperten deren Ergebnisse durch, beplant mit den Kollegen aus dem Musterbau, dem Einkauf und der Logistik die Erprobungsträger und führt im Rahmen von Präsentationen die Ergebnisse in die Entwicklungsteams zurück. Kurz gesagt, ein Testingenieur ist nie ein Einzelkämpfer. Er ist Teil eines äußerst spannenden Prozesses.

Autor: Ulrich Walther, Jahrgang 1969, ist Abteilungsleiter Erprobung bei der IVM Automotive Bad Friedrichshall. Er studierte Maschinenbau mit der Fachrichtung Kraftfahrzeugtechnik in Zwickau.

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