Bewerbungsgespräch: Die Hürde "Fallstudie"
Praktisch alle Consultingunternehmen setzen auf Fallstudien im Vorstellungsgespräch. Aber längst nicht alle Bewerber freuen sich auf den Teil des Interviews, wo es nur noch um eine zu lösende Fallstudie geht. Wie also soll man sich vorbereiten?

- Eine Fallstudie muss jeder Consulting im Bewerbunggespräch lösen. (Bild: Pressmaster / Fotolia)
Lohnt es sich, Fallstudien „zu üben“ oder Lösungswege gar auswendig zu lernen? Die allererste Herausforderung für jeden Junior-Consultant in spe ist und bleibt – das Vorstellungsgespräch. Fünf oder sechs Interviews von mindestens je einer Stunde Länge sind in der Branche durchaus üblich. In der Regel werden die Interviews von erfahrenen Beratern und Partnern geführt. Ein Vorstellungsgespräch in der Consultingbranche gliedert sich meist in vier Einzelteile. Zunächst findet – wie in allen Branchen üblich – eine kurze Vorstellungsrunde der Beteiligten statt. Dann wird das Interview zu Persönlichkeit und Lebenslauf geführt. Nach einer kurzen Pause (oder auch ohne) folgt der praktische Teil bzw. das so genannte Consulting-Interview: die Bearbeitung einer oder mehrerer Fallstudien. Den Abschluss des Gesprächs bilden die Fragen des Bewerbers und selbstverständlich ein freundliches Dankeschön für die Einladung und für die durch das Unternehmen zur Verfügung gestellte Zeit.
Tipp: Wir haben eine neue Rubrik "Fallstudien" eingerichtet, dort finden Sie Tipps zum Lösen von Fallstudien und eine Übungs-Fallstudie samt Lösung. Zur Rubrik "Fallstudien"
Vorstellungsgespräch: Die wichtigsten Stationen
In der „Aufwärmphase“ versuchen die Interviewer, sich einen ersten Eindruck vom Auftreten eines Bewerbers zu verschaffen. Ein häufig genutzter Einstieg ins Persönlichkeitsinterview ist, dass ein Bewerber gebeten wird, die wichtigsten Stationen seines Werdegangs zusammenzufassen. Hier sind tatsächlich nur die wichtigsten (also für den Job entscheidenden) Stationen gemeint, etwa die Entscheidung für ein bestimmtes Studium bzw. einen Schwerpunkt oder die bereits gesammelten praktischen Projekterfahrungen. Hier sucht der Interviewer in der Art der Antworten Hinweise darauf, ob ein Kandidat strukturiert denken kann, ob er eine zielgerichtete Motivation für den Job als Consultant erkennen lässt, wie er Teamfähigkeit bislang unter Beweis gestellt hat und ob der Kandidat die intellektuellen Anforderungen an einen Consultant erfüllt. Bewerber sollten hier mit genauen Nachfragen zu einzelnen Stationen im Lebenslauf rechnen.
Interview: Unter hohem Zeitdruck
Jetzt folgt das für die Branche typische Consulting-Interview. Diese Interviews bilden oft den eigentlichen Schwerpunkt der Gesprächsrunden. Der Vielfalt dieses speziellen Interviewteils sind kaum Grenzen gesetzt. Die Bearbeitung und Diskussion (mindestens) einer Fallstudie bildet den Kern dieses Gesprächsteils. Hinzu können Brainteaser oder allgemeine Größenschätzungen kommen. Fallstudien gibt es in den unterschiedlichsten Formen und Schwierigkeitsstufen. Im Extremfall wird nur eine Frage gestellt: „Was würden Sie dem Kunden bei diesem (oder jenem) Problem empfehlen? Und warum?“ Ebenso kann es geschehen, dass eine Viertelstunde lang ein sehr komplexes Strategieproblem eines Global Players dargestellt wird, bei dem der Bewerber einen längeren Text und eine Vielzahl von Grafiken und Informationen präsentiert bekommt und anschließend erläutern muss, wie er sich eine Lösung des Problems vorstellt. Eins haben praktisch alle Fallstudien gemein, wie unterschiedlich sie auch sein mögen: Das Unternehmen will so herausfinden, wie der Bewerber an eine Frage aus der Beraterpraxis herangeht, ob er die wichtigsten Dinge schnell erfasst sowie die Fragestellungen zweckmäßig strukturiert und in Einzelschritten unter teils hohem Zeitdruck abarbeitet.
Fallstudien: Komplexe Sachverhalte
Fallstudien konfrontieren Bewerber also mit einem überschaubaren, aber dennoch komplexen Sachverhalt. Je nach Aufgabentyp können geschulte Beobachter – und darum handelt es sich bei den Beratern immer – während der Lösung der Fallstudie unterschiedliche Fähigkeiten bei einem Bewerber „testen“. Es geht um analytische und organisatorische Kompetenzen, aber auch darum, auf welche Art der Bewerber an ein komplexes Problem herangeht und wie er sich eine individuelle Lösung erarbeitet. Denn Bücher über Fallstudien zum Üben von Case Studies helfen oft nicht weiter. Die „Gegenseite“ kennt diese Bücher und auch die in ihnen vorgeschlagenen Lösungswege. Kommt der Interviewer zum Schluss, dass im Fallstudien-Gespräch hauptsächlich angelesene Lösungen vorgeschlagen werden, knockt man sich selbst sehr schnell aus dem Bewerbungsverfahren. Deshalb ist es wichtig, dass man zunächst die Aufgabenstellung genau durchliest und die enthaltenen Informationen nach ihrer Wichtigkeit ordnet. Der Lösungsweg – also die eigenen Gedanken – müssen kurz dokumentiert werden, damit sie jederzeit nachvollziehbar sind. Der Lösungsweg selbst ist oft wichtiger als die eine oder andere Lösung der Fallstudien, da der Weg dorthin analytische und intellektuelle Fähigkeiten eines Bewerbers sichtbar macht.
Fallstudien: Anforderungen aus dem Alltag
Fallstudien stellen eine komplexe „Entscheidungssituation“ mehr oder weniger ausführlich dar. Die Entscheidungssituation kann aus allen Themenbereichen des modernen Managements und aus den unterschiedlichsten Entscheidungsfeldern in Unternehmen kommen. Die eigentliche Bearbeitung der Fallstudie besteht neben der Analyse der Entscheidungssituation darin, Alternativen zu formulieren und eine realistische Handlungsempfehlung zu geben. Außerdem müssen Teilnehmer oft auch die „Pros“ und „Kontras“ für eine bestimmte Lösung bzw. einen bestimmten Lösungsweg gewichten und nachvollziehbar präsentieren. Dies entspricht exakt den Anforderungen im Alltag eines (Junior-) Consultants.
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Auch deshalb sind Fallstudien als Teil des Auswahlverfahrens so beliebt. Fallstudien im Bewerbungsprozess haben fast immer einen realen „Fall“ im Hintergrund. Dieser kommt aus der Consultingpraxis und betrifft verschiedene Märkte und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie Branchen und Unternehmen. Ein gemeinsames Merkmal von Fallstudien ist Anzahl und Qualität der Daten, die den Teilnehmern der Fallstudie im Text für die Bearbeitung gegeben werden. Das erfordert – obwohl man eine gewisse Nervosität in der Bewerbungssituation wohl immer verspüren wird –, den Überblick zu behalten.
Datum: 5/09
Autor: Thomas Friedenberger







