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„Wer nur das eine kann, verliert“

Welche Trends und Tendenzen zeichnen sich aktuell ab? Wie können Nachwuchsjuristen auch in Krisenzeiten punkten? Diese und andere Fragen beantwortet Hengeler-Mueller-Partnerin Dr. Viola Sailer-Coceani im Interview.

Dr. Viola Sailer-Coceani (Bild: Privat)

Welche Trends werden den Rechtsmarkt in den kommenden Jahren bestimmen?

Wir erleben zwei gegenläufige Entwicklungen: einerseits eine voranschreitende Ausdifferenzierung des Rechts, die eine immer stärkere Spezialisierung der Rechtsanwälte erforderlich macht. Andererseits lehrt uns die Finanzmarktkrise, dass eine zu starke Spezialisierung auf Einzelgebiete auch Risiken mit sich bringen kann. Nämlich, wenn sich die Nachfrage nach bestimmten Bereichen vorübergehend abschwächt. Das ist derzeit etwa im Finanzierungsgeschäft der Fall. Andere Rechtsgebiete, wie etwa Insolvenzrecht, Restrukturierung oder Prozessführung werden dagegen besonders stark nachgefragt. Wer hier nur das eine kann, verliert. Am besten behauptet sich, wer nicht nur spezialisiert, sondern breit ausgebildet und flexibel ist.

Wie wirkt sich die Wirtschaftskrise auf den juristischen Arbeitsmarkt aus?

Leider haben viele große Wirtschaftskanzleien ihre Neueinstellungen zunächst reduziert. Manche haben auch Gehaltserhöhungen gestrichen, reduzieren das Einstiegsgehalt oder schicken ihre Anwälte mit Gehaltsverlust in Sabbaticals. Wir haben uns bislang gegen diese Maßnahmen entschieden. Generell sollten sich junge Juristen von den aktuellen wirtschaftlichen Verhältnissen nicht entmutigen lassen. Es gibt nach wie vor große Wirtschaftskanzleien, die Berufseinsteiger einstellen und sogar verstärkt in die qualifizierte Fortbildung ihrer Associates investieren. Auf den Berufseinsteigern von heute basiert schließlich unser Erfolg von morgen.

Wie sollten Nachwuchsjuristen jetzt reagieren?

Nicht anders als sonst. Auf jeden Fall sollten sie ihren Lebenslauf aufwerten. Wer die Möglichkeit hat, zu promovieren oder ins Ausland zu gehen, sollte sie nutzen! Außerdem sollte man sich frühzeitig über potenzielle Arbeitgeber informieren. Sie sollten schon während des Studiums und im Referendariat die Chance nutzen, ein Praktikum oder eine Station in einer Anwaltskanzlei zu absolvieren. Viele Wirtschaftskanzleien laden Studenten, Referendare und Doktoranden zu Kennenlern-Veranstaltungen und Workshops ein. Die persönlichen Kontakte, die sie dabei knüpfen, können später entscheidend sein. Bei der Wahl des Arbeitgebers sollte man besonders darauf achten, dass man an Top-Mandaten mitarbeiten kann und gleichzeitig eine breite und qualifizierte Aus- und Fortbildung erhält.

Ergeben sich aus der derzeitigen Situation auch Chancen?

Gerade in der Krise steigen die Anforderungen der Mandanten an die Arbeit der Kanzleien. Diese können wir nur mit einer ausreichenden Anzahl hochqualifizierter Mitarbeiter erfüllen. Und große Unternehmen interessieren sich jetzt mehr denn je für Juristen, die eine breite Praxisausbildung in einer renommierten Wirtschaftskanzlei erhalten haben.

Wie entwickeln sich derzeit die Einstiegsgehälter?

Die Einstiegsgehälter in großen Wirtschaftskanzleien liegen für Berufsanfänger oft bei 100 000 Euro und mehr, im Verhältnis zum Gesamtmarkt also vergleichsweise hoch. Steigerungen dieses Gehaltsniveaus sind derzeit unwahrscheinlich. Einige Kanzleien haben die Einstiegsgehälter auch gesenkt.

Welche Skills und Qualifikationen werden für Berufseinsteiger in Zukunft wichtig sein?

Bekanntlich spielen Examensnoten bei Juristen eine große Rolle, und wir nehmen die Anforderung „zweimal Vollbefriedigend“ ernst. Wir sehen uns aber jeden Lebenslauf in seiner Gesamtheit an und achten auf Promotion, Auslandsaufenthalt und Zusatzqualifikationen wie betriebswirtschaftliche Kenntnisse oder Sprachen. Nichts davon ist Pflicht, aber jedes einzelne Element kann Ihre Bewerbung entscheidend aufwerten. Wichtig ist auch, dass Sie glaubhaft vermitteln können, dass Sie an einer Karriere in der Großkanzlei interessiert sind. Am besten belegen Bewerber dies, indem sie schon während der Ausbildung die Möglichkeit nutzen, Erfahrungen in einer Wirtschaftskanzlei zu sammeln. Last but not least: Das Wichtigste ist immer der persönliche Eindruck. Die Chemie zwischen Bewerber und Kanzlei muss stimmen. Das gilt für beide Seiten.

Wie sehen Sie die Zukunft der Juristenausbildung?

Ich bin ein großer Anhänger der breiten Ausbildung bis zum Ersten Staatsexamen. Gerade im internationalen Vergleich sehen wir immer wieder, was die deutsche Juristenausbildung – trotz aller Kritik – wert ist. Für das Referendariat würde ich mir hingegen eine stärkere Spezialisierung wünschen. Wer Richter werden will, macht eine Richterausbildung. Wer Rechtsanwalt werden will, durchläuft eine zweijährige Praxisausbildung in einer Anwaltskanzlei. Andere europäische Länder praktizieren dieses Modell mit großem Erfolg. Da eine kurzfristige Systemänderung aber nicht in Sicht ist, empfehle ich Referendaren, die sich für einen Berufseinstieg in einer Großkanzlei interessieren, entsprechende Schwerpunkte in Eigenregie zu setzen.

Welche Rolle werden Jura-Bachelor und Diplom-Wirtschaftsjuristen künftig spielen?

In gewisser Weise ist das Berufsbild mit diesen Abschlüssen sogar breiter gefächert als beim „Nur-Anwalt“. Besonders nachweisbare betriebswirtschaftliche Kenntnisse machen die Absolventen für viele qualifizierte Positionen in der Wirtschaft hochinteressant. Auch in Anwaltskanzleien bieten sich Berufschancen. Wegen der berufsrechtlichen Erfordernisse wird die Mehrzahl der Positionen hier allerdings noch von den klassischen Volljuristen besetzt.

Welche Eigenschaften brauchen Nachwuchsjuristen, die in einer großen Kanzlei Karriere machen wollen?

Sie sollten neugierig und immer bereit sein, Neues zu lernen. Das gilt auch für Themen, die über den juristischen Tellerrand hinausgehen, wie etwa wirtschaftliche Zusammenhänge. Teamfähigkeit ist von großer Bedeutung, weil große Mandate immer in einem Team bearbeitet werden. Ausdauer und Ehrgeiz sind erforderlich – nicht zu verwechseln mit Ellenbogenmentalität. Für die Mandanten ist nicht nur wichtig, dass man ein guter Jurist ist. Das setzen sie voraus. Gefragt ist eine Beraterpersönlichkeit, die in der Lage ist, den Mandanten Lösungen für ihre Probleme aufzuzeigen.

Was sollte kein Jurist während seines Studiums versäumt haben?

Dazu gibt es keine festen Regeln. Sie sollten herausfinden, welche Rechtsgebiete Ihnen wirklich liegen. Und nicht danach auswählen, wo man die meisten Punkte bekommt. Nachwuchsjuristen sollten sich frühzeitig über potenzielle Arbeitgeber und ihre Anforderungen informieren. Dazu können sie juristische Ausbildungszeitschriften nutzen, sich als Stipendiat bei Stiftungen und Plattformen bewerben und Kontakte zu Unternehmen und Kanzleien nutzen. Auch zu Jura- Messen und Infoveranstaltungen sollten sie gehen und sich persönlich vorstellen. Bei einem Praktikum oder einer Referendariatsstation in einer Wirtschaftskanzlei können sie hautnah erleben, ob dieser Beruf der richtige ist. Und schließlich gilt: It’s a people's business. Was zählt, ist die Persönlichkeit –, und die besteht nicht nur aus Jura-Noten, sondern auch aus Ihren sonstigen Interessen.

Datum: 10/2009
Interview: Rebekka Baus

Vita Dr. Salier-Coceani

Dr. Viola Sailer-Coceani studierte an der Universität Frankfurt a. M. Jura. Im Jahr 2000 begann sie ihre berufliche Laufbahn als Rechtsanwältin im Bereich M&A/Gesell schaftsrecht und war zeitweise auch in London tätig. Seit Anfang 2006 ist sie im Münchener Büro von Hengeler Mueller im Bereich Gesellschaftsrecht tätig. Seit 2008 ist sie Partnerin.

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