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Interview mit Marijn Dekkers, Bayer: "Europa gehen Talente verloren"

Marijn Dekkers kehrte nach mehr als zwei Jahrzehnten in den USA nach Europa zurück und wurde dort Vorstandsvorsitzender von Bayer. Im Interview vergleicht er die amerikanische und europäische Haltung zur Forschung und beschreibt die wichtigsten Einstiegsbereiche für Naturwissenschaftler.

Marijn Dekkers: "Ich fand so großen Gefallen an der Forschung in einem Unternehmen, dass eine Rückkehr an eine Hochschule für mich nie wieder ein Thema war." (Bild: Bayer AG)
Marijn Dekkers: "Ich fand so großen Gefallen an der Forschung in einem Unternehmen, dass eine Rückkehr an eine Hochschule für mich nie wieder ein Thema war." (Bild: Bayer AG)

Herr Dekkers, Sie studierten Chemie und Chemieingenieurwesen in den Niederlanden, in den USA arbeiteten Sie als Forschungsleiter und CEO. Heute sind Sie Vorstandsvorsitzender der Bayer AG in Deutschland. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Ich fühle mich dort zu Hause, wo meine Familie ist. Und das ist jetzt in Deutschland. Als Jugendlicher war ich in Holland heimisch, dann 25 Jahre in den USA. Dort habe ich auch meine Frau kennengelernt, dort besitzen wir auch nach wie vor ein Haus. Meine Kinder besuchen nun in Düsseldorf eine internationale Schule und wachsen mit Gleichaltrigen aus vielen Ländern auf. Ich denke, das ist ein großer Vorteil, denn sie lernen, global zu denken.

Nach Ihrer Promotion wechselten Sie Mitte der 1980er-Jahre in die Forschungsabteilung von General Electric in den USA. Eine Karriere in der Hochschulforschung stand für Sie nicht zur Debatte?

Meine beruflichen Planungen sahen ursprünglich vor, als Chemiker in der Hochschulforschung zu arbeiten. Doch vorher wollte ich Erfahrungen in der Industrie sammeln und startete als Forscher bei General Electric im US-Bundesstaat New York. Die zentrale Forschungsabteilung von GE war eine der renommiertesten und traditionsreichsten in Nordamerika mit rund 2000 Wissenschaftlern.

Weshalb entschieden Sie sich für einen Start in einem amerikanischen Unternehmen?
Die Aufgaben waren sehr reizvoll. Ich konnte meine Kenntnisse aus dem Chemie-Studium anwenden. Die Station war zwar als Zwischenschritt zu einer Universitätsprofessur geplant, aber die Arbeit und die Herausforderungen bei GE waren so interessant, dass ich blieb. Ich fand so großen Gefallen an der Forschung in einem Unternehmen und später an anderen Funktionen in der Wirtschaft, dass eine Rückkehr an eine Hochschule für mich nie wieder ein Thema war.

Im vergangenen Jahr kehrten Sie nach Europa zurück. Wie haben sich die Bedingungen für Forscher in Europa verändert?
Die Akzeptanz in Deutschland und in einigen europäischen Ländern ist für manche Forschungsbereiche – etwa die grüne Gentechnik – nicht so hoch wie in den USA. Daher schauen sich Hochschulabsolventen, die auf solchen Gebieten arbeiten und forschen wollen, außerhalb Europas um. Europa gehen so leider Talente verloren, die für die Zukunft benötigt würden.

Raten Sie jungen Forschern dennoch, ihre Laufbahn in Europa zu beginnen?
Ja, in jedem Fall. Auch in Europa gibt es für junge Forscher vielfältige Möglichkeiten zum Start in den Beruf. Bei Bayer betreiben wir den größten Teil unserer Forschungseinrichtungen an europäischen Standorten. Ohne gut ausgebildete und motivierte Mitarbeiter wäre dies nicht möglich.

Der Fachkräftemangel ist eines der großen Themen in Wirtschaft und Politik. Gefährdet er wirklich die wirtschaftliche Entwicklung oder geht es eher um einige Positionen für rare Spezialisten?

Generell trifft der Fachkräftemangel Industrie und Branchen sehr unterschiedlich. In unseren Kern-Einstellbereichen, den Naturwissenschaften, aber auch bei Verfahrenstechnikern und Chemieingenieuren sehen wir derzeit für unser Unternehmen noch keine problematische Situation. Bei den produktionsnahen, technischen Berufen spüren wir allerdings einen Nachwuchs-Rückgang.

Wer wird vor allem gesucht?
Für unsere Forschungs- und Entwicklungsbereiche sind dies in erster Linie Chemiker, Biologen, Mediziner, Pharmazeuten sowie Verfahrenstechniker und Chemieingenieure. Daneben stellen wir verstärkt IT-Experten und Wirtschaftswissenschaftler ein.

In welchen Bereichen der Chemie- und Pharmabranche haben Naturwissenschaftler besonders gute Zukunftschancen?

Forschung und Entwicklung werden weiterhin die wichtigsten Bereiche für Naturwissenschaftler sein. Wichtig ist auch die technische Verfahrensentwicklung. Sie ermöglicht die Produktion und Vermarktung neuer Produkte zu marktgerechten Preisen und mit umweltschonenden, energiesparenden Verfahren. Teil 2 des Interviews mit Marijn Dekkers: Welche Jobs gibt es für Bachelor- und Master-Absolventen?

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