Interview: „Wir brauchen auch ‚Dickbrettbohrer’“
Wo stehen die Versicherungsunternehmen heute? Johannes Neumann, Leiter Konzern Personal bei Talanx AG, beantwortet diese Frage und erklärt auch warum portugiesische Sprachkenntnisse bei Bewerbern für ihn besonders interessant sind.

- Die Nachwirkungen der Krise werden auf die Realwirtschaft noch eine Zeit lang zu spüren sein. (Bild: Johannes Neumann / privat)
Herr Dr. Neumann, ist die Krise an den Finanzmärkten für die Versicherungsunternehmen ausgestanden?
Die weltweite Finanzmarktkrise sehen wir für die Versicherungsbranche zwar größtenteils ausgestanden. Doch die Nachwirkungen besonders auf die Realwirtschaft werden noch eine Zeit lang zu spüren sein, sowohl auf den Kapitalmärkten als auch bei der Zurückhaltung der Kunden. Vor allem das niedrige Zinsniveau und die hohen VolatilitätVolatilitäten werden die gesamte Branche vor besondere Herausforderungen stellen. Die Versicherungsunternehmen sind im Vergleich deutlich besser durch die Krise gekommen als viele andere Finanzdienstleister. Denn die Finanzkrise war in erster Linie eine Bankenkrise, keine Krise der Assekuranz. Das entscheidende Merkmal dabei war und ist der Engpass von Liquidität im Bankensektor. Dies betrifft die Assekuranz wegen des anders gelagerten Geschäftsmodells nicht direkt.
Was empfehlen Sie Studenten, die sich für den Einstieg in der Versicherungswirtschaft interessieren?
Meine Empfehlung lautet: Nehmen Sie Kontakt zu denjenigen Versicherern auf, die Sie interessant finden. Lernen Sie das Unternehmen durch ein Praktikum kennen oder bewerben Sie sich direkt. Und bedenken Sie: Je größer eine Versicherung ist, desto vielfältiger und internationaler sind die dort zu erledigenden Aufgaben.
Wie würden Sie Absolventen die nähere Zukunft in Ihrer Branche beschreiben?
Die Versicherungswirtschaft ist im Vergleich zu anderen Branchen recht stabil. Das wirkt sich auch auf die Arbeitsplatzsicherheit positiv aus. In den nächsten Jahren werden die Versicherer ihre Prozesse weiter verschlanken und automatisieren, um noch kostengünstiger zu arbeiten. Auch unsere Gruppe hat gerade ein solches Großprojekt gestartet. Etliche kleinere Versicherer werden es schwer haben, allein am Markt zu überleben. Schließlich werden die großen Versicherer im Ausland weiter hinzukaufen. Auch hierbei wollen wir mitspielen.
Was sollte man heute studiert haben, um erfolgreich in Ihrer Branche zu starten?
Schwerpunktmäßig suchen wir, wie die anderen großen Versicherer auch, Absolventen der Studienrichtungen Wirtschaftswissenschaften, Informatik und Wirtschaftsinformatik, Ingenieurwissenschaften, Mathematik und Wirtschaftsmathematik sowie Rechtswissenschaften, wenn möglich mit Schwerpunkten in versicherungsnahen Fächern. Außerdem wünschen wir uns von Bewerbern sehr gute Englisch- und idealerweise weitere Fremdsprachenkenntnisse sowie einen längeren Auslandsaufenthalt. Diese Sprachkenntnisse sind in einigen Konzernbereichen sogar unabdingbar. Wegen unserer strategischen Ausrichtung sind besonders spanische und portugiesische Sprachkenntnisse für uns interessant.
Zur Person: Dr. Johannes Neumann
1959 - Geboren in Münster/Westfalen
1978 - Abitur in Münster
1978 - Studium der Rechtswissenschaften in Münster und Köln
1984 - Erste juristische Staatsprüfung
1984 - Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Köln
1986 - Referendariat in Köln, Speyer und Washington D.C.
1987 - Promotion über „Geltungserhaltende Reduktion und ergänzende Auslegung von Allgemeinen Geschäftsbedingungen“
1989 - Zweite juristische Staatsprüfung
1989 - Berater bei McKinsey & Company, Inc.
1992 - Bereichsleiter Personalwirtschaft bei Gruner+Jahr AG & Co.
1999 - Fachbereichsleiter Personal- und Tarifpolitik bei der Allianz Versicherungs AG
2006 - Leiter Corporate Personnel Germany, Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht, bei der Siemens AG
2007 - Leiter Konzern Personal bei Talanx AG
Geschäftsführer HDI-Gerling Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft
Mitglied des Aufsichtsrats Gerling Versorgungskasse
Mitglied des Arbeitsrechts- und Tarifausschusses des Arbeitgeberverbands der Versicherungen
Datum: 09/10
Thomas Friedenberger
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