"IT ist nicht nur Technik"
Die richtigen Skills für Informatiker haben mit IT oft nichts zu tun. Im Staufenbiel-Interview spricht BITKOM-Präsident Scheer über eierlegende Wollmilchsäue, Praxisferne und Party-Fotos.

- BITKOM-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer (Bild: Privat)
Der BITKOM beklagt seit Jahren einen Fachkräftemangel in der IT-Branche. Mit welcher Arbeitsmarktsituation sind Absolventen heute konfrontiert?
Scheer: Es zeigt sich seit anderthalb Jahren, dass Firmen der Informations- und Kommunikationstechnologiebranche unter einem ernsthaften Mangel an qualifiziertem Personal leiden. Die Schere zwischen Bedarf und Angebot ist ein tief greifendes strukturelles Problem – kein konjunkturelles. Zu wenige junge Frauen studieren Informatik, die Abbrecherquote ist immer noch zu hoch. Im internationalen Vergleich steht Deutschland damit im letzten Drittel. Viele Schwierigkeiten sind auch selbstgemacht.
Inwiefern?
Scheer: Die Branche muss sich selbst an die Nase fassen: Das betrifft nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Universitäten und Lehrer. Die Ausbildung und Werbung für den IT-Beruf läuft schon in der Schule falsch. Die Möglichkeiten, die sich beruflich bieten, werden nicht ausreichend präsentiert. IT ist nicht immer nur technisch, sondern hat sehr viel mit Menschen zu tun, mit Soft Skills.
Dennoch lassen sich vor allem Frauen von den als technisch und trocken empfunden Berufen abschrecken.
Scheer: Gerade im Bereich Consulting und im Austausch mit den Kunden „menschelt“ es sehr stark. Weibliche Experten mit guten kommunikativen Fähigkeiten wären in der Branche eigentlich gut aufgehoben. Insgesamt müssen wir die Vielfalt der IT-Branche und der Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, besser präsentieren. Das Problem ist erkannt: Es gibt ja bereits Maßnahmen wie den „Girls’ Day“, um Vorurteile und Hemmungen abzubauen.
Sind typische IT-Berufe – wie zum Beispiel die Netzwerkverwaltung – zu unattraktiv, um Nachwuchskräfte in ausreichender Zahl anzulocken?
Scheer: Das ist der falsche Ansatz: Die meisten Fachleute werden in den Bereichen Consulting und Software-Entwicklung gesucht. Die Chancen sind da – wie das Beispiel Mark Zuckerberg zeigt [Anm. d. Red.: der Gründer der Community-Plattform Facebook gilt als derzeit jüngster Selfmade-Milliardär]. Es ist eine spannende Branche, in der viel passiert.
Was bedeutet das für die Karrierechancen junger IT-Fachkräfte – vor allem in Hinblick auf Jobmöglichkeiten und zu erwartende Gehälter?
Scheer: Es ist mit Sicherheit so, dass die begehrten IT-Nachwuchskräfte durch die Arbeitsmarktsituation besondere Chancen und Auswahlmöglichkeiten haben und auch bei Gehaltsverhandlungen gewissermaßen am längeren Hebel sitzen. Aber das Gehalt ist nicht alles: Wenn es gut läuft, arbeitet man 40 Jahre oder länger in einem Beruf. Da kommt es auch auf die Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten an. Nachwuchskräfte sollten unbedingt die ganze Vielfalt bedenken, die sich ihnen bietet – auch ihre Chancen, sich persönlich weiterzuentwickeln.
Wie – und wo – können sie diese Möglichkeiten zum Beispiel nutzen?
Scheer: Man kann sich in der Branche viel breiter entwickeln als nur in Bezug auf technologisches Know-how. Das ist auch eine Chance für den Mittelstand. Der leidet überdurchschnittlich unter Problemen bei der Personalgewinnung, weil er die ganz hohen Gehälter oft nicht zahlen kann oder vielleicht nicht flächendeckend das beste Image hat. Der Mittelstand kann jedoch ein breiteres Aufgabenspektrum bieten, flachere Hierarchien und mehr Verantwortung. Hier ist man mehr als ein kleines Rad im Getriebe eines Großkonzerns.
Also sollten Absolventen nicht nur auf die „üblichen Verdächtigen“ schauen – bekannte Unternehmen mit klangvollen Namen – sondern auch auf die zweite und dritte Reihe?
Scheer: Der Mittelstand ist ja kein einheitliches Gebilde – damit sind auch die Start-up-Firmen gemeint. Für junge Leute, die Phantasie haben, die innovativ sind, bietet sich damit die Chance, an einem Unternehmen beteiligt zu sein, das zunächst vielleicht klein und unbekannt ist, dessen Entwicklung aber später förmlich explodiert. Wo man also an einer großen Story teilnehmen kann.
Solche Storys gab es zu Zeiten des ersten Internet-Booms viele. Derzeit liest man wieder von einer zweiten „Dotcom-Welle“. Welche Einstiegs- und Aufstiegschancen bieten sich damit für Absolventen?
Scheer: Wie so häufig hat man eine neue Technologie anfangs sehr überschätzt, irgendwann ist die Blase geplatzt. Mittlerweile hat sich die Technologie jedoch durchgesetzt. In kurzer Zeit sind riesige Unternehmen entstanden wie Google, Amazon oder Ebay. Konkrete Internetangebote wie der Handel mit Musik oder auch Online-Bewerbungen sind gar nicht mehr wegzudenken. Die Technologie – der Umgang mit ihr – hat sich von Anwenderseite weiterentwickelt. Man kann sagen: die „Dotcom-Welle“ hat sich bestätigt, nur der Faktor Zeit wurde falsch eingeschätzt. Jobs gibt es hierzulande vor allem bei den Ablegern erfolgreicher amerikanischer Unternehmen sowie beim Aufbau von Marktplätzen und Communities.
Wie innovativ die IT-Unternehmen sind, möchte der BITKOM unter anderem mit dem „Deutschen Internetpreis“ zeigen. Welche neuen Lösungen sind hier zu erwarten?
Scheer: Das sogenannte Web 2.0, der Community-Gedanke kommt immer mehr im Unternehmen an. Bei Kunden und Lieferanten zeigen sich bereits Änderungen im Verhalten: Die Rollen von Informationsabnehmer und -erzeuger ändern sich: jeder Beteiligte gibt und erhält gleichermaßen Informationen. Eine zweite große Entwicklung ist das Internet der Dinge, d.h. Gegenstände, die miteinander kommunizieren. Davon sind in vielen Einsatzfeldern große Veränderungen zu erwarten: etwa im Bereich des Straßenverkehrs, der Logistik, der Medizin usw. Da sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Die IT ist immer noch ein Tummelfeld überraschender Ideen.
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