Eine Frage der Persönlichkeit
Persönlichkeit zählt. Das wissen Absolventen nicht erst aus Stellenanzeigen. Was Unternehmen aber wirklich damit meinen, ist nicht immer klar.

- Wie viel Persönlichkeit darf's sein? (Bild: istock/Stalman)
Lovely Lena. Die Siegerin des Eurovision Song Contest verzauberte Ende Mai ganz Europa mit ihrem Lied – aber auch mit ihrer Persönlichkeit. Deutschland hatte sie unter 4 500 Sangeskünstlern ausgewählt und richtig gelegen. Auch Personaler suchen Mister oder Miss Right für einen Job und setzen dabei stark auf Persönlichkeit. Was sie mit dem Begriff meinen, ist vielen Bewerbern allerdings nicht klar. Der Ausdruck ist zu schwammig, er kann alles und nichts heißen. Auch die Psychologie gibt nicht die eine richtige Antwort. Zu viele Modelle und Theorien liegen im Wettstreit um das wahre Ich des Menschen. Bewerbern indes bleibt nichts anderes übrig, als sich so gut wie möglich über das Wunschunternehmen zu informieren. Und sich mit der eigenen Persönlichkeit zu beschäftigen.
Dass die Interpretation des Gegenübers so einfach wäre wie Malen nach Zahlen, das wünscht sich die Menschheit schon seit Langem. Auch Personalabteilungen würden jubeln, wenn sie die Persönlichkeit eines Bewerbers eindeutig erkennen könnten. Dann wäre die Personalarbeit zwar nicht so spannend, aber andererseits ließe sich der Erfolg besser vorhersagen und messen. In Zeiten, in denen das Controlling auch im HR-Bereich an Bedeutung zunimmt, könnten sich die Verantwortlichen die Hände reiben. Bisher müssen sich Personaler aber mit psychometrischen Tests begnügen, um ihre Entscheidungen zu rechtfertigen.
Spiel des Lebens
Was den Mensch im Innersten zusammenhält, damit beschäftigen sich die Wissenschaft und die Philosophie seit der Antike. Hippokrates etwa teilte die Menschen im 5. Jahrhundert vor Christus in sanguinisch, phlegmatisch, cholerisch und melancholisch ein. Das Persönlichkeitsbild der Stoiker (3. Jahrhundert vor Christus bis 2. Jahrhundert nach Christus) war von der Vorstellung geprägt, die Menschen hätten eine vorbestimmte Rolle im Spiel des Lebens auszufüllen. Bis zum modernen Persönlichkeitsbild war es also ein langer Weg. Heute steht vor allem die Einzigartigkeit des Menschen im Vordergrund. „Persönlichkeit ist das, was wir typischerweise von einem Menschen erleben“, sagt Personalpsychologe Rüdiger Hossiep von der Universität Bochum. „Eben alle Wesenszüge, Eigenschaften und Verhaltensweisen, die ihn von anderen unterscheiden.“
Eine Person zu erfassen mit ihrem Verhalten, Gedanken und Gefühlen, die sie einzigartig machen, ist nicht gerade die einfachste Sache der Welt. Das erklärt die Fülle der Theorien. Umso überraschender ist es, dass Psychologen heutzutage ein relativ simples Modell favorisieren. Es handelt sich um das Big-Five-Modell. Es charakterisiert Menschen in diesen fünf Dimensionen (siehe Kasten): Offenheit für Erfahrungen, emotionale Stabilität (Neurotizismus), Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Extraversion, also Extravertiertheit. „Die Big Five sind eine umfassende Landkarte der wichtigsten Dimensionen der menschlichen Persönlichkeit. Sie sind Persönlichkeitszüge.“ So erklärte Paul Costa, einer der führenden Big-Five-Forscher, in einem Radio-Beitrag im SWR die großen Fünf. „Sie charakterisieren das Individuum, sorgen für Unterschiede zwischen einer Person und der nächsten.“
Auf den ersten Blick scheint dieses Instrumentarium nicht auszureichen, um die Individualität einer Person zu zeichnen. Doch hat sich seit Beginn der Big-Five-Forschung in den 30er-Jahren immer wieder gezeigt, dass sich die Menschen selbst und auch ihr Gegenüber eben genau mit diesen elementaren Eigenschaften charakterisieren.
Die Big Five
Extraversion: Extrovertierte Personen lassen sich gerne auf Unbekanntes ein, interessieren sich für ihre Umwelt, können gut mit Menschen umgehen und geben in Gruppen tendenziell den Ton an.
Neurotizismus: Neigung zu emotionaler Labilität, Ängstlichkeit und Traurigkeit.
Verträglichkeit: Verträgliche Persönlichkeiten setzen sich für andere Menschen ein und bemühen sich um gleichberechtigte und entspannte Kontakte.
Gewissenhaftigkeit: Gewissenhafte Menschen sind diszipliniert, organisiert und haben den Willen, eine Arbeit zu Ende zu machen.
Offenheit: Wer offen für neue Erfahrungen ist, bringt Kreativität und Bildung mit.
Karrierefaktoren
Ob sich auf dieser Landkarte der Big Five auch der berufliche Erfolg verorten lässt, fragten sich Psychologen und untersuchten die karriererelevanten Faktoren der fünf Dimensionen der Persönlichkeit. Das überraschende Ergebnis einer Studie einer US-amerikanischen Psychologin: Gewissenhaftigkeit scheint der wichtigste Faktor im Erfolgsgefüge zu sein. „Untersuchungen haben ergeben, dass etwa Extraversion am Erfolg viel geringer beteiligt ist als Gewissenhaftigkeit“, bestätigt Jürgen Kaschube, Professor für Personal und Wirtschaftspsychologie an der Privatuniversität Schloss Seeberg in Österreich.
Natürlich braucht es in einigen Jobs immer noch eine gehörige Portion Leutseligkeit. Aber es ist eben nach der Big-Five-Forschung nicht der treibende Faktor. Ein anderes Ergebnis der Studien: Neurotizismus, also emotionale Labilität und Neigung zu Angst, kann Karrierewilligen einen Strich durch die Rechnung machen.
Mit diesen Ergebnissen lässt sich eine Karriere jedoch nicht gleich am Reißbrett planen. Experte Kaschube nimmt denn auch gleich den Wind aus den Segeln jener, die dies für den goldenen Schlüssel zum Chefzimmer halten. „Die Vorhersagemöglichkeiten für beruflichen Erfolg sind relativ gering“, weiß er. Ein gewissenhaftes und emotional stabiles Wesen katapultiert einen Menschen nicht automatisch nach ganz oben. Es kommen einfach zu viele Dinge zusammen, etwa Glück und Kontakte.
