Schumann: "Immer einen Plan B haben"
Wilfried Schumann kennt die Stress-Realität von Studenten und Absolventen sehr gut. Er ist Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle von Universität und Studentenwerk Oldenburg. Wir haben ihn gefragt, ob die Zahl der Anfragen zum Thema Stress zugenommen hat, und welche Dinge helfen, um bei Prüfungen oder in Bewerbungsgesprächen den Stress-Level zu senken.

- "Stress wird umso größer, je unrealistischer ich meine Ziele definiere."
Jeder Student kennt große Stress-Situationen am Übergang von der Hochschule in den Job: Prüfungsstress, Bewerbungsstress und Stress in den ersten 100 Tagen im Job. Wie sollte man damit am besten umgehen?
Für jede dieser Situationen gilt: Der Stress wird umso größer, je unrealistischer ich meine Ziele definiere. Wenn ich von mir beispielsweise bei der ersten Bewerbungssituation den perfekten Auftritt erwarte, setze ich mich enorm unter Druck. Gestehe ich mir hingegen zu, Fehler machen zu dürfen, aus denen ich für die Zukunft lernen werde, kann ich die Sache gelassener angehen Auch für den Berufseinstieg gilt, dass ich mich als lernende Person sehen muss, die sich Fehler nicht übel nehmen darf, sondern die Entwicklungschance sieht, die darin liegt, dass ich große Fehler sicher nicht wiederholen werde.
Zu welcher Art von Stress-Problemen werden Sie von Studenten und Absolventen am häufigsten angesprochen?
Am häufigsten sind Überforderungsgefühle, psychosomatische Beschwerden, Zeitnot, Konzentrationsprobleme und Prüfungsängste.
Hat die Zahl der Anfragen zum Themenbereich Stress mit der Umstellung auf das Bachelor und Master und angesichts der unsicheren Arbeitsmarktlage zugenommen?
Mit der Umstellung auf BA und MA haben Anfragen von Studierenden zugenommen, die sich überfordert fühlen und unter Zeitstress oder Prüfungsangst leiden. Einige kommen mit Burn-out-Symptomatiken in die Beratung. Sie haben über einen längeren Zeitraum ihr Energie-Konto überzogen, weil sie unbedingt alle Anforderungen bewältigen wollten. Am Ende sind sie ausgebrannt, erschöpft und völlig mutlos. Auch die unsichere Zukunftssituation ist oft Thema in der Beratung. Viele Studierende sehen für sich als einzige Lösung, ihre Kommilitonen auszustechen und mit exzellenten Noten die eigenen Karrierechancen zu wahren. Keine gute Strategie, weil Überforderung und Scheitern an unerreichbaren Zielen auch hier wieder die Folgen sein können.
Es gibt viele Ratschläge zum Umgang mit Stress. Welche helfen?
Nur diejenigen, die man wirklich umsetzt. Die meisten Menschen wissen genau, wo sie den Hebel ansetzen müssten. Doch jede Veränderung hat ihren Preis und erscheint zunächst einmal unbequem. Aber ich kann hundert Stress-Ratgeber lesen und werde dennoch kein Rezept finden, das es mir erspart, mich in meinem Arbeitsverhalten und im privaten Alltag wirklich neu zu orientieren.
Ein gewisser Stress, zum Beispiel bei Prüfungen oder Bewerbungsgesprächen, hat ja auch eine positive Seite: Wir können uns optimal konzentrieren. Wie erkenne ich, ob der Stress dabei noch gut für mich ist?
Es ist in vielen psychologischen Untersuchungen bestätigt, dass ein mittleres Maß von Stress und Lampenfieber leistungssteigernd wirkt, weil es uns mit einem nützlichen Schuss Adrenalin versorgt. Es wird dann zuviel, wenn ich übermotiviert und verkrampft bin. Das ist wie beim Sprint: Schnell laufen kann nur derjenige, der sich anstrengt, dabei aber zugleich auch locker bleibt! Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Aber hier können Methoden wie das mentale Training hilfreich sein, das aus dem Leistungssport heute nicht mehr wegzudenken ist: Ich trainiere innere Filme, in denen ich zum Beispiel Prüfungssituationen zuversichtlich angehe und souverän bewältige. Auf diese Weise bekomme ich eine klare Vorstellung vom angemessenen und erfolgreichen Verhalten in dieser Situation und kann damit Ängsten und Misserfolgsbefürchtungen innerlich etwas entgegensetzen. Damit erhöhe ich die Chance, mit einer positiven Einstellung und der notwendigen Lockerheit auch schwierige Situationen zu bewältigen.
Welche „Tricks“ können helfen, um bei Prüfungen oder in Bewerbungsgesprächen mein Stress-Level zu senken?
Immer einen Plan B zu haben: Das Leben geht weiter, selbst wenn ich in der aktuellen Situation nicht gewinnen sollte. Wenn ich mich in eine Konstellation manövriere, wo es um Leben oder Tod zu gehen scheint, mindere ich meine Leistungsfähigkeit massiv, weil dann nur noch mein Panikprogramm läuft, bei dem aber akademische Denkaktivitäten nicht vorgesehen sind. Stattdessen geht es nur noch um die Alternativen Kämpfen, Flüchten oder sich tot stellen – keine besonders brauchbaren Strategien für die Prüfung. Außerdem hilft es, etwaige Autoritätsängste abzubauen: Die Menschen, die mir in Prüfungen oder bei Bewerbungen gegenübertreten, haben mit Sicherheit auch Schwächen. Dafür spricht jede empirische Erfahrung mit unserer Gattung.
Was empfehlen Sie aus gutem Grund nie gegen Stress?
Alkohol und andere Drogen oder süchtige Verhaltensweisen können zwar kurzfristige Entlastungsgefühle mit sich bringen, bergen aber auf lange Sicht die Risiken und Konsequenzen, die uns allen bekannt sind.
Kennen Sie ein beruhigendes Zitat zum Thema Stress?
Ja: „Alles wird gut!“
Wie gehen Sie selbst mit Stress um? Was hilft Ihnen am besten?
Ich setze mir herausfordernde, aber erreichbare berufliche und private Ziele und sorge konsequent für körperlichen Ausgleich durch sportliche Aktivitäten. Daneben sind die besten Stressreduktionsmittel Kontakte zu guten Freunden und Hobbys, bei denen der Rest der Welt versinkt und in Vergessenheit gerät. Bei mir persönlich ist es das Tanzen, der argentinische Tango.
Sollte man eigentlich in Prüfungen oder in Bewerbungsgesprächen thematisieren, dass man gerade unter Stress leidet?
Das kann im Notfall hilfreich sein. Besser jedoch finde ich es, wenn man sich vorher klarmacht, dass eine solche Situation prädestiniert ist für Nervosität. Das kann jeder der Anwesenden nachvollziehen und deshalb sollte man keinesfalls alle Energie darauf verwenden, dass die eigene Anspannung nicht sichtbar werden darf. Wenn man die eigene Aufregung akzeptiert und nicht dramatisiert, kann man sich mit seiner Energie der eigentlichen Aufgabe zuwenden: sein Wissen und seine Fähigkeiten deutlich zu machen. Die Nervosität wird dann im weiteren Verlauf von alleine geringer.
Datum: 10/09
Interview: Thomas Friedenberger
Zur Person
Wilfried Schumann, Jahrgang 1957, ist Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle von Universität und Studentenwerk Oldenburg. Schumann ist ausgebildeter Diplom-Psychologe.
